Wem gehorche ich? Der gefährlichste Satz des Christentums
Was tust du, wenn dein Staat etwas verlangt - und dein Glaube etwas anderes? Eine kleine Gruppe russisch-orthodoxer Priester hat darauf eine Antwort gegeben: anonym, unter Lebensgefahr und mit denselben Worten, mit denen schon einmal Christen in Deutschland gegen ein Regime aufgestanden sind. Matthias Brender spricht mit Dr. Johannes Oeldemann (Möhler-Institut Paderborn) über eine fast unbekannte Erklärung, mutigen Glauben und die Frage: Wem gehorche ich, wenn es schwierig wird?
Transkript
Unsere Geschwister sind in Not. Es gibt eine recht aktuelle, explosive Erklärung aus der Mitte der russisch-orthodoxen Kirche und deren Übersetzer haben wir hier gleich in der Sendung.
Der gefährlichste Satz der Christen ist nicht: „Jesus hat dich lieb." Der gefährlichste Satz ist: „Jesus Christus ist unser Herr." Wenn im Zweifelsfall Jesus und der Staat und vielleicht sogar die eigene Kirche für unterschiedliche Wege stehen, dann wird es für den, der sich für den Jesus-Weg entscheidet, schnell unangenehm bis hin zur Verfolgung. Und das passierte damals und das passiert jetzt wieder. Und deshalb diese Sendung über eine Erklärung unterdrückter russischer Christen.
Auf den Tag genau, heute im Jahr 1934, am 31. Mai, wurde die Barmer Theologische Erklärung veröffentlicht. Das entscheidende Dokument: Eine Gruppe von Christen, die sich wehrten gegen die Vereinnahmung durch das Hitler-Regime. Gleich mehr dazu. Der Vorläufer von Barmen war das Altonaer Bekenntnis. Das wurde von einundzwanzig mutigen Pastoren hier in Hamburg-Altona Mitte Januar '33, noch vor der Machtergreifung in der Hamburger Sankt Trinitatiskirche, hier hinter mir, veröffentlicht. Und damit traten sie mutig dem entgegen, was da passierte. Altonaer Pastoren protestierten damals gegen die Willkürherrschaft der Nazis, während sie gerade am Entstehen war. Auch unter Christen gibt es damals viele Nazis. Die deutschen Christen, sie wollen das Hackenkreuz an das Kreuz hängen. Im Sommer 1933 gewinnen sie bei den Kirchenwahlen siebzig Prozent. Im November '33 hetzt ihr Wortführer im Berliner Sportpalast vor zwanzigtausend Zuhörern gegen die Juden. Das Alte Testament gehöre weg, Jesus müsse vom schwächlichen befreit werden. Und gegen diese Nazivereinnahmung wehrt sich eine christliche Minderheit. Sie wird später bekannt als die bekennende Kirche.
Dann, Mai '34, hundertachtunddreißig Kirchenleiter aus achtzehn Landeskirchen treffen sich in Wuppertal-Barmen. Lutheraner, Reformierte, unierte Konfessionen, die seit der Reformation zerstritten waren, jetzt gemeinsam gegen die Diktatur und sie veröffentlichen dann die Barmer Theologische Erklärung. Karl Barth schreibt den Hauptentwurf: In einer langen Nacht viel Kaffee und Zigarren, einstimmig angenommen.
Und die erste These, die wichtigste, sagt:
„Jesus Christus ist das eine Wort Gottes."
Kein Führer, kein Volk, keine geschichtliche Bewegung kann daneben treten. Und die fünfte These geht ganz konkret an die Staatsmacht. Sie verwirft Originalwortlaut:
„Die falsche Lehre, als solle und könne der Staat zur einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens werden."
Anders gesagt: Wenn der Staat etwas anderes von uns will als Gott, dann müssen wir als Christen, als Kirche Gott mehr gehorchen als dem Staat. Und da drunter schreiben sie ganz prophetisch einen Satz aus Jesaja, gerade aus dem Alten Testament, das die deutschen Christen rausschmeißen wollten:
„Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit."
Vor ein paar Tagen recherchierte ich für euch über die Orthodoxie, um da eine Sendung vorzubereiten und in diesen wissenschaftlichen Texten las ich etwas, wo ich zusammenzuckte. Denn unter wirklich mit den gefährlichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann, haben russische Priester etwas Mutiges geschrieben. Genauso eine Erklärung wie bei Barmen, nur selbst ein Jahr später hatte ich noch gar nichts davon gehört. Ich hab den Eindruck, das ist hier gar nicht bekannt. Und dabei braucht es doch gerade in so einer Situation christlichen Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung. Am 7. Januar 2025, das orthodoxe Weihnachten in Russland, veröffentlichten rund dreißig anonyme russisch-orthodoxe Priester und Laien einen Aufruf. Der Titel: „Christus und dem Evangelium Treubleiben." Verbreitet über die Telegram-App in Russland. Außerhalb Russlands wurde es bekannt über die oppositionelle Nowaja Gazeta-Zeitung. Anonym, weil es für die Verfasser und ihre Familien lebensbedrohlich wäre. Und wisst ihr, mit welchem Bibelfers diese Erklärung aus diesen Tagen in Russland endet? Mit Jesaja vierzig acht, der gleiche wie in Barmen. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.
Orthodoxie? Was sind das für welche? Ein kleiner Ritt durch die Kirchengeschichte. Faustregel: Nach einem halben Jahrtausend gab es immer eine Kirchenspaltung, die ganze Zeit. Heute kriegen wir das viel schneller hin, besonders in Freikirchen. Damals waren die Christen anscheinend noch leidensfähiger. Also, ganz zurück: Vor zweitausend Jahren zeigte sich Gott leibhaftig auf der Erde durch Jesus. Und dann hat sich der Glaube von Jerusalem aus weiter verbreitet. Nach fünfhundert Jahren die erste Trennung und wer sich damals abspaltete, nein, nicht die Protestanten, auch nicht die Katholiken, sondern es gab keine Einigung mit den orientalisch, altorientalisch geprägten Kirchen, also Trennung mit den aus Afrika kommenden Kopten, Ägypten, Äthiopia und den Armediern und so weiter. Das war 451. Damals war das Zentrum ja noch Jerusalem, dann nördlicher, Kleinasien, Konstantinopel, heute Istanbul. Aber dann kamen später die Türken und der Islam, Europa und Rom wurden wichtiger. Und dann kam das große Schisma. 1054 trennten sich Rom. Daraus entstand die katholische Kirche und Konstantinopel. Daraus entstand die orthodoxe Kirche. Und diese Spaltung ist für viele, viele heute viel schlimmer als die Sache mit Martin Luther. Später, auf die wir Protestanten dann eher schauen. Und ja, 1500 Jahre nach Christus, die Reformation, Martin Luther, Thesenanschlag. Es gibt evangelische Christen. Und jetzt, zweitausend Jahre später, was für eine Trennung? Ja, ich weiß nicht, vielleicht Pfingslohn, Charismatiker, aber das sollen mal Kirchenhistoriker in zweihundert Jahren klären. Wir sind noch zu nahe dran. Also für uns jetzt wichtig: Orthodoxie, das ist der ältere Teil der Kirche. Vieles von denen heute für uns ungewohnt. Wenn du mehr wissen willst, da gibt es eine tolle Doku mit Jana Highholter und Erzpriester Miron, die das zusammen alles erklären. Ist hier unten für euch verlinkt.
Und die Orthodoxen haben sich in der Zwischenzeit munter weiter aufgeteilt. Es gibt immer noch Konstantinopel, dann griechisch-orthodox, ukrainisch-orthodox. Und die Hälfte der weltweit viel mehr als zweihundertzwanzig Millionen orthodoxen Christen ist russisch orthodox, also vielleicht hundertzehn Millionen. So, und jetzt ist ja Russland im Krieg mit der Ukraine. Russland hat die Ukraine überfallen und wir haben hier regelmäßig von Christen aus der Ukraine berichtet. Könnt ihr auch noch mal anschauen. Spannend. Und vielleicht habt ihr es auch gelesen. Richtig irritierend finde ich, wie sehr die russisch-orthodoxe Kirche, nach dem, was man bei uns mitbekommt, mit ihrem Oberhaupt Kyrill, diesen Krieg unterstützt. Da wird von Christen für diesen Krieg gebetet und die haben ja angegriffen. Sie führen den Krieg immer weiter. Der Krieg wird in Predigten gerechtfertigt und Kyrill gilt als großer Putin-Freund. Wie kann das gehen? Schaut denn da niemand in die Bibel?
Und jetzt haben wir dazu einen absoluten Experten zugeschaltet. Er kennt nicht nur Patriarch Kyrill persönlich, sondern viele der weiteren Personen in der russisch-orthodoxen Kirche. Er ist Theologe, Wissenschaftler und leitet das Johann Adam Müller Institut für Ökumenik in Paderborn. Er hat die anonyme russische Erklärung, von der ich euch erzählt habe, für uns übersetzt und nach Deutschland gebracht. Herzlich willkommen, Dr. Öldermann. Vielen Dank.
Orthodoxe Kirche. Für uns hier in Deutschland ist es für viele sehr, sehr weit entfernt, auch wenn es sie bei uns gibt. Nehmen Sie uns mal mit rein, jemand, der vielleicht nur einen katholischen oder evangelischen Gottesdienst kennt. Wie muss man sich orthodoxe Kirche vorstellen? Die Gottesdienste dauern länger als bei uns, weil diese Liturgie, die für die Orthodoxen so identitätsstiftend ist, über die Jahrhunderte sozusagen angewachsen ist, mit immer neuen Liturgien, Gebeten, Gesängen in der Liturgie. Die Ikonen, von denen man einige hinter mir auch sieht, sind sehr prägend für orthodoxe Gottesdiensthäuser. Die Gläubigen haben sie auch zu Hause in ihren Wohnzimmern, verehren dort ihre Namenspatronen et cetera. Dunkel nehme ich es eigentlich nicht wahr, weil sie haben auch sehr leuchtende goldene Gewänder an Festtagen und der Kerzenschein erleuchtet die Kirchen. Für mich ist dort immer sehr spürbar eine tiefe Spiritualität, die auch in der Art, Gottesdienst zu feiern, zum Ausdruck kommt.
Absolut, danke. Und wer sich da noch vertiefen will, wir haben da neulich erst eine Dokumentation gemacht mit Jana Highholder.
Und jetzt zurück: Wir sprachen in der Sendung über Russland. Russland, Putin, die russische Armee hat die Ukraine überfallen. Und hier, wenn man das gelesen hat, war ich schon erstaunt, wie pro Krieg die russische Kirche und ihr Oberhaupt Kyrill sich äußert. Und vielleicht, bevor wir die Brisanz dieser Erklärung voll verstehen: Ich las bei Ihnen in Ihrem Artikel das Wenn ein Priester in Russland – und das finde ich wirklich krass – im Gottesdienst, obwohl sein Land in Krieg ist, obwohl die toten Soldaten nach Hause kommen, die Familien in Trauer sind, für den Frieden betet, dann wird er entlassen, weil er soll für den Krieg und für den Sieg beten. Ist das richtig?
Er soll nicht für den Krieg beten, aber er soll für den Sieg beten. In der Tat. Mit der russischen Vollinvasion in die Ukraine wurde von Patriarch Kirill ein zusätzliches Gebet in die orthodoxe Liturgie eingeführt, mit einem Gebet für den Sieg Russlands in diesem Krieg. Und einige Priester, die das nicht tun wollten, haben sich gedacht, wir können vielleicht das Wort „Sieg einfach durch das Wort „Frieden ersetzen, weil da kann eigentlich jeder sich hinter stellen. Das wurde aber trotzdem von der Kirchenführung als Kritik empfunden und einige dieser Priester, sofern das bekannt geworden ist, wurden dann wirklich anschließend von ihrem Dienst suspendiert.
Das heißt, die sind jetzt... Die sitzen jetzt irgendwo alleine im Kloster und dürfen nicht mehr Messen feiern? Oder wie krass ist da die Unterdrückung? Das ist für sie wirklich existenziell. Sie sitzen nicht in dem Kloster, weil die meisten orthodoxen Geistlichen sind verheiratet, haben eine Familie. Das heißt, für sie hängt auch das Einkommen, der Unterhalt für die Familie davon ab, dass sie Gottesdienste regelmäßig feiern können. Und das bringt sie sozusagen wirklich in existenzielle Nöte im Blick auf die Familie und sie müssen sich sozusagen irgendwie einen alternativen Job suchen, den Unterhalt für die Familie zu verdienen.
Das heißt, sie bekommen ihr Geld durch die Spenden im Gottesdienst und das ist dann weg und damit sind sie quasi ihren Job los, weil sie für den Frieden beten. Krass. Und Sie haben jetzt im letzten Jahr diese besondere Erklärung nach Deutschland gebracht. Erreicht hat sie mich über russische Freunde, die mich darauf aufmerksam gemacht haben. Ich bin, bevor der Krieg ausgebrochen ist und vor Corona, häufig in Russland gewesen, zwei, dreimal im Jahr, habe dort viele Bekannte und Freunde und die haben mich auf diese Erklärung, die am Weihnachtstag des Jahres 2025, am 7. Januar nach Julianischem Kalender veröffentlicht worden ist, aufmerksam gemacht. Ich habe sie gelesen und war gleich irgendwie elektrisiert und fasziniert von dieser Erklärung, weil sie sehr deutlich sagt:
„Wir müssen Christus und dem Evangelium treu bleiben und nicht der Politik unserer Kirchenführung folgen, weil sie wieder das Evangelium ist."
Und deswegen habe ich dann diesen Text ins Deutsche übersetzt und zunächst einmal im Internet publiziert und anschließend ist er auch in einigen Printmedien aufgegriffen worden, weil er eben deutlich macht, die russische Kirche ist auch nicht monolithisch, steht nicht wie ein Block hinter dem Patriarchen, sondern es gibt dort auch kritische Stimmen. Und Sie schreiben selber in diesem Artikel, wo Sie das veröffentlicht haben, dass es Ähnlichkeiten zu einer ganz bekannten ähm für uns in Deutschland wichtigen Erklärung gibt.
Ja, das ist die Barmer theologische Erklärung. Die ist hervorgegangen aus der bekennenden Kirche, einer Bewegung innerhalb der evangelischen Christenheit zur Zeit des Nationalsozialismus, wo es auch das Problem gab, dass die sogenannten deutschen Christen sich hinter das Naziregime gestellt haben und es eben dann kritische Stimmen innerhalb der evangelischen Kirche gab, die sogenannte bekennende Kirche. Und ein Grundlagendokument dieser bekennenden Kirche ist die barer-theologische Erklärung, ah die heutzutage einen Bekenntnisstatus für unsere evangelischen Mitchristen hat. Ah Und die russische Erklärung, die sich auch selbst als Glaubensbekenntnis übrigens bezeichnet, schließt mit denselben Worten wie die barer-theologische Erklärung:
„Und das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit und das ist sicherlich kein Zufall."
Danke. Also mich berührt das und ich frage mich zum einen, warum äh war das jetzt nicht größer auch in unserer deutschen Kirchenpresse? Weil jetzt für mein Verständnis hilft es verfolgten Geschwistern, wenn ihre Not und ihr Anliegen bekannt wird. Und zum anderen, ähm als Barmann entstand damals, war er noch relativ am Anfang und die haben sich noch getroffen und man wusste auch, welche Namen dahinter stehen. Das wurde dann breit diskutiert. Wie ah sah sehen Sie die Rezeption in Russland? Hat der Patriarch, hat Kyrill darauf reagiert? Nein, er hat nicht darauf reagiert und ich vermute, er hat es ganz bewusst getan. Er will es sozusagen unter den Teppich kehren, würde man mit bei uns sagen, also diesem Appell nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen, dadurch, dass er darauf irgendwie reagiert. Und deswegen ist es auch sehr schwer einzuschätzen, wie weit das in Russland selbst verbreitet ist. Äh Es wurde über einen Telegram-Kanal verbreitet. Das ist sozusagen der Messenger-Dienst, den die meisten ah russischen ah Bewohner nutzen. Ah Von daher kann man davon ausgehen, dass durchaus es ah in einer größeren, eine größere Öffentlichkeit gefunden hat. Aber es gibt halt, jetzt ist es kein offener Brief, wo man irgendwie sagen kann, ich unterzeichne das und unterstütze das, weil es eben für alle, die diesen Appell offen unterstützen würden, höchst gefährlich ist, das zu tun, weil sie sich nicht nur kirchlichen, sondern gegebenenfalls auch staatlichen Zwangsmaßnahmen gegenüber sähen.
Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer, Sie hören es. Deswegen machen wir auch diese Sendung. Und wenn Sie Verbindungen nach Russland haben oder da Leute kennen, leiten Sie es doch umgekehrt wieder zurück. Einfach, dass es dort auch bekannt wird und wir möchten dazu beitragen, denn für mein Verständnis hilft es gerade, wenn etwas unterdrückt wird, es transparent zu machen. Und das Anliegen, dass Gott die höchste Autorität ist und Jesus der Herr ist, dem er zu gehorchen ist. Da gibt es ja auch viele Beispiele bei uns in der Geschichte und auch ähm im Endstadium der DDR. Hatte die Kirche eine besondere Rolle? Äh Ja, liegt da auch eine Verantwortung von Menschen, die der Heiligen Schrift folgen, die Gott folgen. Äh Wenn Sie uns noch mal ein bisschen mit reinnehmen in die Situation, gerade dort. Also ich höre relativ wenig von der russisch-orthodoxen Kirche, außer den offiziellen verlautbaren Verbahrungen. Was ich von meinen Freunden und Bekannten in Russland erfahre, ist, dass die Menschen schon nach wie vor halt zu den Gottesdiensten gehen, äh dass das, was äh in Russland ursprünglich als militärische Spezialoperation bezeichnet wurde, weil man das Wort Krieg nicht in den Mund nehmen wollte, inzwischen schon im Alltag der Menschen angekommen ist, einfach dadurch, weil es so viele Opfer auf russischer Seite gibt, viele verwundete und auch gefallene Soldaten, die dann in ihren Heimatorten beerdigt werden und dadurch kommt es natürlich in das Bewusstsein der Gesellschaft auch hinein, ah dass Russland wirklich in einem Krieg steht. Ähm Ich glaube, dass die meisten Menschen eher versuchen, sozusagen ah ja unter der Decke, sozusagen im vertrauten Raum, wie man das früher gemacht hat in der Sowjetunion, also im geschützten Raum, sich darüber auszutauschen. Ich habe im Oktober letzten Jahres einen guten Freund getroffen aus Russland im Ausland, der mir erzählt hat, wir sind eigentlich wieder zurück in der Sowjetunion von der Atmosphäre in der Gesellschaft. Man traut sich in der Öffentlichkeit nicht, Dinge zu sagen, die man eigentlich deren Überzeugung man ist. Das kann man eigentlich nur im geschützten Raum machen, wenn ich weiß, ich bin unter Vertrauten oder ich bewege mich irgendwo ah draußen im Park, wo mich niemand abhören kann. Das ist, finde ich, sehr bedrückend, das zu erleben, ah dass eine Gesellschaft wieder so eine totalitären Kontext lebt. Und ich hoffe, dass irgendwann sozusagen der Punkt kommen wird, wo das dann auch kippt, weil die Gesellschaft sagt:
„Wir können nicht länger mit so einem Druck leben in unserer Gesellschaft."
Danke. Und jetzt hatten wir ähnliches 1934. Ähm Zum Schluss: Was können Christen in Deutschland tun, die da mitfühlen? Ähm Wie können wir unterstützen von außen? Also zum einen finde ich, soweit wir denn über Kontakte verfügen zu russischen Christinnen oder Christen, diese Kontakte wirklich auch pflegen, es nicht komplett abreißen lassen. Manche offizielle staatliche Institutionen haben alle Kontakte zwischen, sagen wir mal, deutschen Universitäten und russischen Universitäten beispielsweise abgebrochen. Das ist einfach gut, glaube ich, für unsere Mitchristen in Russland, wenn sie wissen, es gibt Leute, die sozusagen uns versuchen, da zu unterstützen. Und natürlich, wenn man keine russischen Bekannten hat, mindestens kann man sie unterstützen, indem man sie in ihr Gebet einschließt, in unser Gebet einschließt und darum bittet, dass Gott doch auch dem Volk in Russland einen Weg eröffnet, friedlich mit seinen Nachbarn und im Land selbst leben zu können. Herr Dr. Öldemann, ganz herzlichen Dank, dass Sie zum einen dieses wichtige Dokument uns im Land zugänglich gemacht haben, da so nah dran sind. Und ich weiß, Sie sind viel unterwegs und kriegen da auch viel mit. Danke für Ihre gesamte Arbeit und auch jetzt für die Zeit, uns damit reinzunehmen. Sehr gerne.
So, jetzt hast du es selbst gehört. Vielleicht regst du auch mal an bei dir, dass die Erklärung bei euch im Gottesdienst verlesen wird, ihr dafür betet. Wir hier in Deutschland haben so etwas mehrfach erlebt. Damals bekennende Kirche und die wegweisende Barmer theologische Erklärung und dann hoffnungsvoll Leipzig, Nikolaikirche, Montagsgebete. Jeden Morgen über Jahre leidensfähige Christen, die friedlich protestieren über Jahre und irgendwann stehen hunderttausende auf der Straße und die Mauer fällt. Christen folgen im Zweifelsfall nicht dem Staat, sondern ihrem höheren Herrn. Viele bezahlen das teuer, manche sterben dafür und gleichzeitig verändert Gott dadurch ganze Länder. Wer sich an Jesus orientiert, ist anders unterwegs als der Zeitgeist. Nicht aus Trotz, sondern weil er einen Herrn hat, der größer ist als jeder Staat, größer ist als jede Kriegspropaganda und größer ist als jede Diktatur. Und genau das macht heute auch Hoffnung, auch in Russland. Und dafür können wir mit den Geschwistern zusammen beten.
Und wenn du jetzt sagst, ich bin kein Christ, was geht mich das an? Dann hast du recht. Was in der orthodoxen Kirche passiert, ist nicht dein Konflikt. Aber, und das möchte ich dir sagen, auch du profitierst vielleicht von den Opfern, die Christen für die Freiheit und für andere in der Vergangenheit erbracht haben. Menschen, die selbst unter Lebensgefahr aufstehen und sagen:
„Wir folgen einem anderen Herren, der größer ist als jeder Staat."
Und das ist eine Aussage über Wahrheit. Die trägt und hält, wenn alles andere zusammenbricht. Eine Wahrheit, die nicht von dieser Welt ist. Und wenn du auch diesen Halt, diesen Trost jenseits dieser Welt kennenlernen möchtest, dann sprich doch diesen Gott an, ganz direkt. Sag ihm, dass du da bist. Er hört dich. Das ist der erste Schritt. Und wenn du mit Jesus unterwegs bist, dann bete doch jetzt einfach mit.
Herr, wir bitten dich für die Christen in Russland. Wir bitten dich für diese dreißig Personen, die diesen Aufruf geschrieben haben, dass du sie bewahrst und die vielen, vielen anderen, die ja, prophetisch aufstehen für deinen Frieden. Schütze sie, stärke sie und lass ihre Worte nicht ins Leere gehen. Und wir bitten dich, wir beten für die suspendierten Priester, für ihre Familien, für die, die keine Lebensgrundlage mehr haben, weil sie das Richtige für dich getan haben. Und wir bitten dich um Frieden für all diejenigen, die unter dem Krieg leiden, für die Mütter und Väter auf beiden Seiten, die Kinder verloren haben, für die Soldaten an der Front, für beide Seiten. Und Herr, wir bitten dich für die Kirchen und Gemeinden auch auf beiden Seiten, dass du dort deine Wahrheit schenkst und deinen Mut und deine Klarheit. Herr, mach auch uns mutig hier in unserem Alltag, in unseren ja so leichten Umständen, dass wir dich erkennen, dass wir dir folgen und dass wir die nicht vergessen, die unter viel größerem Druck unterwegs sind als wir hier in deinem heiligen Namen. Danke, dass du da bist und ich bitte für jede Zuschauerin und jeden Zuschauer auch, dass sie dich immer mehr kennenlernen und die Erfüllung in dir erfahren und die Freiheit und was es heißt, auf einer Grundlage zu stehen, die jenseits dieser Welt ist und die trägt. Amen.
Zum Schluss sind wir jetzt wieder hier in Hamburg-Altona, wo Sankt Trinitatis, einer der ersten Orte war, wo Christen gegen das Regime ganz klar öffentlich sich geäußert haben. Wie ging es weiter mit den einundzwanzig Pastoren? Das ist mir jetzt wichtig, auch zu Ende zu erzählen. Die einen haben sich leider einfach den deutschen Christen angeschlossen und sind mit den Nazis marschiert. Die anderen haben stillschweigend ihre Unterschrift unter diese Erklärung zurückgezogen und weitergemacht wie bisher, die stillen Mitläufer. Und da gibt es noch die dritte Gruppe, die hart dafür bezahlen musste. Probst Sieweking, also der Leiter, wurde im Dezember '33 suspendiert. Hans Asmussen wurde auch entlassen und die haben viel eingebüßt. Asmussen hat dann später bei der Barmer theologischen Erklärung mitgeschrieben. Ich möchte einen Satz aus der Altonaer Erklärung lesen:
„Wenn die Obrigkeit selbst wieder der Stadt Bestes handelt, dann muss jeder entscheiden, wann der Augenblick gekommen ist, wo man Gott mehr gehorchen muss als dem Menschen."
Jeder muss dann selbst entscheiden, damals, heute und jetzt in Russland. Wie werde ich mich entscheiden? Wie wirst du dich entscheiden? Deswegen, denkt an die Geschwister, die es nicht so leicht haben, die unter Druck stehen gerade, weil sie klar an Jesus glauben. Und lasst uns für sie beten. Es gibt sie überall auf der Welt, unter anderem auch in Russland, innerhalb der orthodoxen Kirche. Bete für sie alleine in der Familie, im Hauskreis und in der Gemeinde, denn das, was Diktaturen am wenigsten aushalten, sind Menschen, die unabhängig sind, weil sie einer höheren Macht dienen. Das verändert vieles und das macht den Unterschied. So war es beim Ende der DDR, so war es zu allen Seiten und so war es bei Jesus selbst, den sie ans Kreuz geschlagen haben, weil er nicht auf das hören wollte, was die anderen sagten, weil er direkt nur auf Gott schaute.
Und deshalb frage ich dich am Ende: Folgst du Jesus auch dann, wenn es schwierig wird? Weil das ist das Christsein, das den Unterschied macht, das diese Welt verändert, das unbequem ist, das mutig ist. Also machen wir diese Erklärung aus Russland bekannt. Teile dazu diese Folge und bete für die Geschwister dort und wir bleiben dran. Abonniere dazu einfach diesen Kanal.
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