Wolfgang Welsch (2/2) - Im Visier der Stasi: "Operation Skorpion"
März 1971. Nach sieben Jahren Stasihaft, schwerer Folter und Misshandlung wird Wolfgang Welsch freigekauft. Im Westen angekommen beginnt ein erneuter Kampf. Die Stasi erfährt von Welschs Fluchthilfe und seinem Einsatz gegen die Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen. Eine kaltblütige Operation mit dem Namen „Skorpion“ beginnt. Das Ziel: Welsch ein für alle Mal zu eliminieren. Dafür tritt Peter Haack in das Leben von Wolfgang Welsch. Der neue Freund weicht Welsch nicht mehr von der Seite. Dass er ein eiskalter Mörder der Stasi ist, ahnt Welsch nicht.
Transkript
Peter Haak, Originalton zu seinem Führungsoffizier, Generalmajor Fiedler:
Was mache ich denn, wenn der Schütze daneben schießt? Ich sitze neben dem Welsch.
Woraufhin der Fiedler zu ihm sagte:
„Peter, mach dir keine Sorgen. Wir schicken den Besten, der schießt einer Fliege auf hundert Metern das linke Auge aus.
Hallo und herzlich willkommen bei Bibel TV, Das Gespräch. Stellen Sie sich einmal vor, jemand will sich mit Ihnen befreunden, nur mit der Absicht, Sie hinterher zu töten. Das war der Fall bei unserem heutigen Gast. Er war ein Staatsfeind in der DDR und die Stasi engagierte extra einen Agenten, um ihn eben umzubringen. Dreimal ist es versucht worden, dreimal ist es daneben gegangen. Das wird er uns heute erzählen. Und dann von dem Höhepunkt der ganzen Geschichte, denn nach der Auflösung der DDR kam es zu einem Prozess gegen diesen versuchten Mörder und dann kam es zu einer entscheidenden Szene, die uns heute am Schluss erzählen wird.
Herzlich willkommen bei uns im Studio, Wolfgang Welsch.
Hallo.
Wir hatten ja schon ein anderes Gespräch dazu, aber trotzdem für diejenigen, die das heute zum ersten Mal sehen, vielleicht noch mal kurz zusammengefasst, wie Sie überhaupt in diese Situation gekommen sind, so gefährlich für die DDR zu sein. Was haben Sie falsch gemacht?
Ja, diese Frage habe ich mir auch oft gestellt. Es war wahrscheinlich, ähm, der Angriff, oder so haben die das gesehen, die die Repression ausübten, der Angriff auf die Macht der SED in der DDR. Denn Flucht und später Fluchthilfe durch mich, das waren direkte Verbrechen gegen den Staat und deswegen waren das, äh, gefährliche Dinge, die, äh, die Stasi unbedingt verhindern mussten und später sogar denjenigen, der das betrieb, also ich, als Fluchthelfer, äh, eliminieren, liquidieren.
Also Ihr Angriff war jetzt kein direkter Angriff, sondern Ihr Angriff war, bestand daraus, dass Sie gesagt haben:
„Ich möchte euch nicht."
Ja.
„Ich gehe hier raus."
Ja.
Und hinterher haben Sie auch noch versucht, anderen das zu ermöglichen.
Genau.
Gut, das hat ja viele Folgen gehabt. Sie haben Jahre in der Haft verbracht, sind auch gefoltert worden, äh, mit versuchten oder, ähm, inszenierten Erschießungen und Ähnliches. Äh, das haben Sie alles hinter sich gebracht und waren dann irgendwann im Westen und haben dort als Fluchthelfer gearbeitet, aber, ähm, die DDR hat Sie nicht in Ruhe gelassen.
Ähm, Sie hat die DDR auch nicht in Ruhe gelassen, aber Sie hatten sich wahrscheinlich nicht vorgestellt, dass der Arm der DDR so weit gehen würde, dass Sie ermordet werden könnten. Das fassen wir oder ist gefasst worden unter dem Begriff Operation Skorpion, richtig?
Genau. Also es gab diesen sogenannten zentralen operativen Vorgang, kurz ZOV, Skorpion. So benannte die Stasi, äh, diese operative Kampfhandlung, äh, mich zu zersetzen und am Ende zu töten. Ausgelöst wurde das aber nicht durch meine Fluchthilfe, sondern ausgelöst habe ich das, äh, beabsichtigt vielleicht oder unbeabsichtigt. Ich wusste ja nicht, wie die DR, DDR reagieren wird. Ich hatte als Student mittlerweile, äh, der Politik und Soziologie in Gießen im Sommer 1973 gelesen, dass, äh, die DDR die Absicht hat, im September zur großen Tagung der UN in New York den Vereinten Nationen beizutreten. Als Politikstudent, aber auch schon vorher wusste ich natürlich, dass die DDR zuvor, äh, die Charta der Menschenrechte anerkennt und unterzeichnen muss. In Folge dessen war für mich klar, die kann gar nicht Mitglied der UNO werden, weil sie die Charta der Menschenrechte tagtäglich missbrauchte und missachtete.
Dann las ich einige Zeit später, dass die Bundesrepublik zur gleichen Zeit, ähm, den Vereinten Nationen beitreten möchte und zu diesem Zweck eine Delegation nach New York entsenden wird, die sich paritätisch aus allen damals im Deutschen Bundestag, also im Parlament vertretenen Parteien, zusammensetzte. Da habe ich gedacht:
„Du musst jetzt deine Stimme erheben."
Und dann bin ich '73 im Sommer alle, damals noch Bonn Hauptstadt, alle, ähm, äh, Parteibüros abgelaufen von, äh, Erich-Ollenhauer-Haus bis FDP und so weiter und überall bin ich abgeblitzt.
Mhm.
Äh, und als ich bei der CSU war in Bonn, ähm, hatte ich schon fast erwartet, dass die mich auch wieder nach Hause schicken und da sagte der Büroleiter von, äh, Franz Josef Strauß, dem Vorsitzenden der CSU:
„Ja, wenn Sie eine Stunde warten, dann kommt der Herr Strauß zurück und dann können Sie mit dem sprechen."
„Wie? Ich kann mit dem sprechen?"
„Ja klar, Sie sind doch da."
Ich sag:
„Ja gut."
Ich war völlig überrascht, dass der mich nicht wegschickt. Der kam und er nahm das lose Blatt Manuskript, acht Seiten Memorandum und las das diagonal schnell und konfrontiert durch und sagte:
„Junger Mann, Sie beschämen uns."
Das war nicht der Pluralis Majestatis, sondern er sprach natürlich für die Partei und sagte:
„Das hätten wir machen sollen."
Ich sag:
„Wenn Sie das so sehen, ja, würde ich sagen, hätten Sie machen sollen."
Er:
„Ja, das ist toll. Also dass sich da jemand so wie Sie, äh, junger Mensch aufmacht und so weiter."
Und ich habe ihm gesagt, äh, ob das nicht die CSU, äh, da ein-- Also die wollten an der Delegation-
Mhm.
-parlamentarische, äh, nach New York senden, ob das nicht einer ihrer Männer, die Teil der Delegation sein wird, mitnehmen könnte. Da sagt er:
„Welsch, ich kann Ihnen eins versprechen, das beweckt, äh, bezweckt gar nicht ist. Die UN ist eine Versammlung von Staaten, nicht von Individuen. Und ich kann Ihnen versichern, das wird im Papierkorb landen."
Sage ich:
„Ja, genau das will ich. Das würde mir reichen, dass mein Memorandum wenigstens im Papierkorb der Vereinten Nationen landet. Mehr erhoffe ich mir gar nicht, aber es soll dort liegen."
So, und nun ist Folgendes passiert: Er hat das gemacht, was ich aber anfangs nicht wusste. Ich bin erst drei Monate später angesichts Beim Verabschieden, äh, wo der Herr Strauß mir sagte:
„Wenn Sie mal Probleme haben, Sie können mich jederzeit wieder anrufen oder können herkommen."
Da bin ich aufgrund eines Fluchthelferproblems noch mal zu ihm gekommen. Und da sagte mir der Herr Strauß:
„Ach übrigens, Herr Welsch, wissen Sie übrigens, was aus Ihrem Memorandum geworden ist?"
Was wir beide nicht vermutet haben. Und ich muss gestehen, ich auch nicht. Ein Mitglied einer offiziellen parlamentarischen Delegation der Bundesrepublik Deutschland überreicht im Se, Generalsekretariat ein Konvolut von acht Seiten, was die nicht lesen konnten, weil's in Deutsch verfasst war, nur Memorandum. Das haben die verstanden. Memorandum. Daraufhin haben die das sofort ins Englische übersetzt. Nirgendwo gab es so viele Übersetzer wie grad bei den Vereinten Nationen. Und da das ein Mitglied der parlamentarischen Delegation der Bundesrepublik übergab, haben die gedacht, das ist ein Addendum zum Beitritt der Bundesrepublik-
Ah ja.
-in die Vereinten Nationen. Deswegen wurde es gelesen. Am 18. September, zehn Uhr Ostküstenzeit der Vereinigten Staaten, lag dieses Manuskript des kleinen Studenten Wolfgang Welsch aus Gießen auf allen Tischen im Plenum der UN, auch auf dem des DDR-Vertreters. Das erklärt den kurz darauf eingesetzten ZOV Skorpion.
Danke. Brauche ich gar nicht mehr zu fragen.
Nein.
Ich hab schon gedacht, jetzt bau, jetzt bauen wir die Grundlage, da haben wir's jetzt. Okay. So, und diese Operation Skorpion: Wann haben Sie gemerkt, dass jemand auf Sie angesetzt ist?
Gar nicht. Ich hab davon gar nichts gemerkt. Äh, ich bin nur von einem Staunen ins andere gefallen, als ich die Akten las. Äh, aber nun war klar, als ich die dann las, war mir klar und die Zusammenhänge kannte, aha, UN, die DDR oder die Stasi dachte, wenn das Memorandum von dem Welsch da auf allen... Da kann doch nur die CIA geholfen haben. Das ist ja 'n, 'n, also ich stieg als Staatsfeind ganz, ganz hoch. Deswegen lautete auch der Titel meines Buches, ich war Staatsfeind Nummer eins, obwohl der Titel nicht von mir ist. Das hat der Verlag so gesehen. Nicht ganz zu Unrecht, äh, wie mir dann im Nachhinein erschien.
Aber Stichwort Peter Haak, ähm, und was alles, äh, also das war ja derjenige, der diese Mordversuche aus, ähm, führen sollte. Wie ist der denn in Ihr Leben getreten? Und wann ist Ihnen klar geworden, also ich meine, die Mordversuche, haben natürlich gemerkt, dass Sie ermordet werden sollten. Also wann ist Ihnen klar geworden, was da alles hinter steckt?
Ach, zunächst mal, ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ermordet werden sollte. Überhaupt nichts. Und an mich herangespielt wurde er von der Stasi ganz raffiniert. Äh, ich hab natürlich auch Fehler gemacht, äh, nämlich den, dass ich bei diesem Engagement, das ich zeigte, durch Flucht und Fluchthilfe, ähm, immer von in den Semesterferien vom, aus dem gleichen Land, nämlich aus Griechenland, meiner in Ostberlin lebenden Eltern Karten geschrieben habe. Und nach der zweiten, dritten Karte haben die festgestellt, der Welsch fährt immer dorthin.
Mhm.
Und dahin schicken wir unseren IM.
Ah ja.
Das war so 'n ganz kleiner Küstenort und wenn da noch 'n Deutscher auftaucht, der muss einem quasi über den Weg laufen. So kam es auch und es entspann sich eine Freundschaft.
Mhm.
Er zeigte alle so Merkmale eines Freundes. Er war immer erreichbar, äh, und er war hilfsbereit und so weiter. Also das war ein regelrechter, ja, Missbrauch meines Vertrauens.
Das muss schrecklich wehgetan haben.
Ja, das hat's auch.
Kommen wir aber natürlich gleich noch drauf, weil Sie jetzt eben gesagt haben, Sie haben gar nicht gemerkt, dass Sie ermordet werden sollten. Ähm, es hat aber drei Attacken gegeben. Können Sie uns von der ersten erzählen?
Ja, und die erste war, dass, ähm, ich fuhr jeden Tag über die Autobahn von Weinheim, wo ich wohnte, nach, äh, Darmstadt, Schmitten Taunus bei Darmstadt. Und, äh, dort hatte man mir in meinem Auto, ein Golf, hatte man mir einen Sprengsatz gelegt. Bei einer dieser Fahrten runter nach Schmitten Taunus, kurz davor, auf der vierspurigen Autobahn, die's damals schon gab, frisch hergestellt, explodierte dieser Sprengsatz urplötzlich. Es gab einen Knall. Das Auto-
Während der Fahrt.
Während der Fahrt. Sie saßen im Auto. Das Auto über hundertvierzig fuhr ich da. Viel schneller fuhr ja auch der Golf nicht. Und, äh, das Auto überschlug sich mehrmals seitlich und glaube ich, auch kopfüber und blieb an der Seite in der Mittelleitplanke dann auf der Seite liegen. Und, äh, ich war noch bei Bewusstsein. Ich merkte sofort, von überall kamen Leute hergerufen, der ganze Verkehr hielt an und, äh, ich konnte dann die über mir liegende Beifahrertür nach oben aufstoßen und konnte dann von unten unter Beihilfe der Umstehenden rausgezogen werden. Wurde nach Frankfurt ins Rote Kreuz Krankenhaus gefahren, äh, Erste Hilfe und am Abend konnte ich da wieder raus.
Gott haben Sie noch ein-
Ich hatte lauter Plastiksplitter im Gesicht. Der Daumen, der war so ausgerenkt, der lag hier oben und der Schlüsselbein war gebrochen. Also alles so ambulante Sachen. Also aus der Sicht der DDR ein Misserfolg. Das war ihrem Sparsamkeitswahn, äh, äh, geschuldet, wie ich später feststellte, ich kettete mich später an Aktenlage und Aussagen fest, die hatten die Menge des Sprengsatzes, das war der tschechische Sprengstoff Semtex eins A, ähm, den haben die an 'nem Trabant getestet, ja und-
Aber nicht an 'nem Golf.
Und der flog natürlich in tausend Splitter, aber nicht 'n Golf. Der kam zwar auch aus der Fassung und die Lenksäule wurde zersplittert, Armaturenbrett flog mir ins Gesicht, aber ich hab's überlebt.
Wie haben Sie sich denn erklärt, was da passiert ist?
Also wenn die Polizei durch einen Sachverständigen, ähm, meiner Versicherung mitteilt, das war ein technischer Defekt, eine Verpuffung, dann muss ich das glauben.
Das heißt, auch, auch Ihnen ist kein Verdacht gekommen?
Nein, auch mir nicht.
Okay. Ich dachte, das war 'ne Verpuffung. Jetzt verstehe ich, warum Sie eben gesagt haben, ich hab von diesen dreien, ich wusste ja gar nicht, das ist 'n Mordanschlag. Ja. Gilt das auch für das zweite? Ja, natürlich gilt das- Das war in England, richtig?
Das zweite, ja. Äh, und zwar, äh, wusste aus Gesprächen mein- Freund Peter Haag, dass ich Möbel suchte, und zwar englische Möbel für unser neu bezogenes Haus in Weinheim. Und englische Möbel in Deutschland waren nur über den Antiquitätenhandel zu beziehen und teuer. Und so viel Geld hatte ich nicht und deswegen sagte er, er wohnte ja in England, in London, als Fotograf-
Ach ja.
-was sich später auch als große Lüge herausstellte:
„Lass uns nach England fahren. Da kannst du, ich kenne da einige Adressen, kannst du günstig Möbel kaufen."
Gut, äh, ich miete dir einen, sagte er, einen kleinen Schnelltransporter. Der war quittegelb, der Wagen. Ich habe mich noch gewundert. So was habe ich noch nie gesehen, so einen quittegelben Sprinter. Tja, das, was, äh, da intendiert war, war nämlich, dass der von weitem zu erkennen ist.
Ah ja.
Da saß nämlich ein, ein, kurz vor London, in einer Gegend, in der ich jetzt kürzlich wieder mit einem englischen Fernsehteam war, saß ein Schütze und als ich die entsprechende Stelle passierte, sagte Peter Haag aktuell:
„Jetzt mach mal langsam. Wir liegen gut in der Zeit."
Ach, der saß mit Ihnen in dem Wagen?
Der saß mit mir im Auto. Ich habe sogar das Protokoll der letzten Dienstbesprechung-
Gott, ist nicht zu glauben.
-aus Berlin. Peter Haag, Originalton, zu seinem Führungsoffizier, Generalmajor Fiedler:
„Was mache ich denn, wenn der Schütze daneben schießt? Ich sitze neben dem Welsch."
Woraufhin der Fiedler zu ihm sagte:
„Peter, macht" – die duzen sich ja alle – „mach dir keine Sorgen. Wir schicken den Besten, der schießt einer Fliege auf hundert Metern das linke Auge aus."
Hat aber bei Ihnen nicht geklappt. Warum?
Tja, ich will nicht sagen, der Zufall. Da kommt dann schon wieder etwas anderes ins Spiel. Maradona hat mal diesen Begriff geprägt bei einem Fußballspiel: die Hand Gottes. Ob das die Hand Gottes war, das will ich gar nicht beurteilen. Auf jeden Fall, bei der Runterfahrt von der Fähre in Dover flog meine Pfeife – ich bin Pfeifenraucher – äh, vom Sitz und rollte nunmehr im Fußboden da zwischen Gas und, äh, Kupplung hin und her. Ich wollte mich aber nicht bücken. Größeres Fahrzeug, fahre ich ja nicht jeden Tag. Dann Linksverkehr auf der Autobahn.
Ach, Sie waren der Fahrer.
Ich war der Fahrer und Peter Haag saß neben mir und ich, äh, wollte mich also nicht darum kümmern, erst später. Und als er sagte:
„Nun, mach mal langsam. Wir sind gut in der Zeit, wir brauchen nicht so schnell fahren",
äh, nahm ich Gas weg und dachte: Oh, jetzt-
Gelegenheit, die Pfeife zu nehmen.
-könnte ich mich bücken, die Pfeife mal und während der Fahrt die Pfeife stopfen und mir eine Pfeife anzünden. Ich mache also, gehe vom Gas, bücke mich. In dem Augenblick gibt's einen Knall. Ich habe die Pfeife in der Hand, komme wieder hoch. Es waren nur Sekunden. Ein Loch in der Scheibe, direkt vor mir und es knisterte nach allen Seiten. Ich fuhr sofort, ging auf die Bremse, sofort links raus, ring, links ran an den Rand, rausgesprungen und zum Peter Haag gesagt:
„Da hat jemand auf uns geschossen."
Wenig später habe ich mich korrigiert, indem ich sagte:
„Da hat nicht jemand auf uns, da hat jemand auf mich geschossen",
denn ich setzte mich wieder rein in den Wagen, sah das Loch vor mir, äh, fasst dann über meinen Kopf hinten, da war das Loch in der blechernen Zwischenwand zum Laderaum. Da war das nächste Loch. Dann zog ich einen Halbkreis und landete direkt hier.
Aber da war doch klar, dass jemand, äh, auf, also erstens auf Sie geschossen hat. Gab es da noch keinen Verdacht bei Ihnen oder bei der Polizei? Was haben die denn dann gemacht?
Da hat ein Verräter geschossen. Das sagt auch Peter dauernd. Da hat, erst hat er die Geschichte von einem Stein, der von einem anderen Auto hochgeschleudert wurde. Konnte ich sofort entkräften. Ich bin zwar kein Fachmann und kein Sachverständiger, aber guck mal, das ist doch Kreisrund. Hier sehen wir ja auch ein Loch.
Ja, das ist kein Stein.
Außerdem fuhr vor uns niemand.
Okay, das heißt, Sie waren immer noch ahnungslos.
Ich war immer noch völlig ahnungslos.
Und jetzt gibt es noch einen dritten Versuch, den müssen wir auch noch erzählen.
Da fuhren wir, äh, auch aufgrund von Peter Haag, der uns nach Israel einlud. Eigentlich wollten wir wieder nach Griechenland, aber das Wetter war auch in Griechenland zu dem Zeitpunkt nicht so gut und, äh, sag, äh, sagten wir spontan:
„Okay, wir nehmen die Einladung an. Wir machen zusammen die Israel-Rundfahrt."
Wir wollten dort ein Wohnmobil mieten und wollten mit Peter Haag durch Israel reisen. Und so flogen wir nach Tel Aviv. Er holte uns vom Flughafen Lod damals noch ab und wir fuhren zunächst mal nach Cäsarea, in so 'nem, äh, Kibbuz am Meer. Äh, er entfernte sich wieder, kam dann aber nach ein paar Tagen zurück und, äh, plötzlich sagte er:
„Ich habe da noch jemanden kennengelernt in Jerusalem. Äh, könnte das, 'ne Frau, könnte die mit uns mitkommen?"
Ich sage:
„Peter, du hast 'ne Frau kennengelernt?"
Weil er war sonst immer so gegen Frauen, ja. Ähm, sodass wir schon dachten: Hm, vielleicht aus Gründen. Auf jeden Fall:
„Ja, aber, ja, die ist eine Amerikanerin aus New York und die, ob, äh, die lässt anfragen, ob sie mitfahren könnte."
„Ja, wo willst du denn schlafen?"
„Ja, wir beide schlafen dann oben in der Kabine, die über die, das Fahrerhaus geht."
Das war ja so ein Wohnmobil. Bedford Blitz. Und ich sage:
„Ja, Peter, wie stellst du dir das vor? Das ist doch eine fremde Frau. Die hast du doch auch gerade erst kennengelernt. Außerdem haben wir hier ein siebenjähriges Mädchen dabei."
„Nein, da ist natürlich nichts und wir sind ganz koscher" und so weiter.
Na gut. Dann haben Sie sich darauf eingelassen. Dann waren die dabei. Dann habe ich meine Frau gefragt:
„Bist du einverstanden?"
„Ja", die waren alle einverstanden. Okay, dann haben wir die getroffen vor dem King David Hotel in Jerusalem und sind dann weitergefahren nach, äh, damals war der südliche Teil des Sinais noch besetzt von Israel nach dem Sechstagekrieg und sind wir gleich durchgefahren durch die, äh, Wüste bis Scharm al-Scheich und da waren das aber an die fünfzig Grad. Da sind wir gleich am nächsten Tag wieder zurück. Äh, und kurz vor Eilat sind wir, äh, an so 'n Strand gefahren, paar Kilometer vor Eilat. Gegenüber war eine alte, kleine Insel mit einer alten Festung. Und da haben wir dann Rast gemacht und da haben wir zum ersten Mal seit drei Tagen etwas gegessen oder wollten etwas essen. Durch die große Hitze, wir haben nur getrunken. Und da sagte er spontan, äh, mit dieser Amerikanerin, die eigentlich gar nichts sagte, die sprach immer nur mit ihm und, äh, die sagte immer nur okay oder no oder yes. Ich nehme heute noch an, das war gar keine Amerikanerin. Die war auch nicht aus New York. Deswegen sollte ich nicht so viel sprechen, damit Sie sich gemachtert haben. War 'ne DDR-Frau, die Pidgey in Englisch sprach und damit sie nicht auffällt, hat sie gar nichts gesagt. Und, äh, da hielten wir dann an. Er schickte uns zum Baden, der Peter Haak, und machte mit ihr Essen, nämlich Frikadellen. Und in diesen Frikadellen, ähm, mischte er dann, äh, Thallium. Das ist ein Schwermetall und so viel Thallium, äh, später stellte man eine zehnfach tödliche Menge statt. Also das war eine Übertötung.
Haben Sie nicht reingebissen?
Natürlich habe ich reingebissen. Ich habe gegessen, ja. Viel gegessen, weil end-- es war ja kühler, kurz vor, kurz vor Ehlert. Und es hat nicht gewirkt?
Da waren's vielleicht dreißig Grad, also fast zwanzig Grad weniger. Das erschien uns kühl.
Mhm.
Da haben wir dann endlich gegessen und Tochter und Frau auch. Und das habe ich ihm ja lange nicht verziehen bis zu diesem denkwürdigen Tag, dass er, er hätte ja die Tochter daran hindern können. Gesagt:
„Du, das ist eigentlich von Papa und gedacht, aber hör mal da auf, von dem Bouletten zu fressen."
Nein, er ist nicht eingeschritten.
Aber Sie sitzen noch hier. Was ist passiert, wenn das zehnfach tödlich war? Was ist passiert?
Wir sind erst mal weitergefahren. Nach diesem Essen sind wir weitergefahren. Wir wollten dann hoch auf die Golanhöhen, am See Genezaret vorbei und, ja, nachdem wir den See Genezaret passiert hatten und schon den Golan hochfuhren, merkte ich ein Kribbeln in beiden Füßen. So eine Art Kribbeln, wie wenn man eingeschlafene Füße hat.
Eingeschlafene Füße.
Genau das dachte ich auch erst, als das am nächsten Morgen aber nicht nur immer noch da war, sondern das Kribbeln war nun mehr schmerzhaft. Und ich erklärte ihm das auch. Und Peter Haak hatte schon längst die Erklärung vorher:
„Wenn du das spürst und das gesagt bekommst, setz dich von der Reisegruppe ab, dann stirbt der Welsch."
Das sind die Zeichen, dass die Vergiftung-
Die Symptome.
-wirkt, die Symptome. Und das hat er dann auch gemacht.
Aber nur Sie hatten Symptome? Was war denn mit den anderen?
Ja. Auf der Fahrt von Ehlert Richtung Jerusalem, noch am Roten Meer, fiel meine Frau plötzlich zur Seite. Die saß neben mir und stöhnte. Ich hielt sofort an, sprang um das Fahrzeug herum, riss die Beifahrertür auf. Da fiel sie mir gleich entgegen. Ich zog sie raus, legte sie auf die Seite und da erbrach sie. Und nach einer halben Stunde etwa ging's ihr dann besser. Ich habe ihr auch Wasser gegeben und so weiter und wir konnten die Fahrt fortsetzen. Das war die Reaktion ihres Körpers auf das Gift. Meine Tochter hatte gar keine Reaktion. Sehr merkwürdig. Außer die mäßige Bewänderung. Da wächst ein weißer Streifen in den Fingernägeln, weißer als der kleine Halbmond hier. Schneeweiß, ganz schmal, ein halber Millimeter. Der wächst mit dem Nagel raus und der war später zu sehen bei ihr. Also es hat nicht geklappt, obwohl es ganz erstaunlich ist. Ich war sehr schwer verletzt. Also schon. Also ich war sehr schwer krank. Der ist dann abgefahren. Der hat gesagt:
„Ich muss mit meinem Team weiter."
Wir sind dann zu diesem reservierten Hotel nach Ehlert. Das war in Wahrheit zwischen Ehlert und der jordanischen Grenze. Also abseits aller Möglichkeiten und da sollte ich sterben, ohne jegliche Hilfe. Es war klar, ich hatte so viel tödliche Thallium in, aber dadurch, äh, dass ich sehr viel israelisches Bier getrunken habe in der Hitze, also eins nach dem anderen, was auch lässlich war, denn, äh, das heißt zwar Bier, das israelische Bier damals, aber es war eigentlich eine Brause. Das hat alles oder viel schon mal-
Abgeführt.
-abgeführt, rausgeschwemmt. Trotzdem, als in Deutschland ich dann ausgeflogen wurde und in Deutschland sofort im Krankenhaus lande, ich war ja gelähmt, konnte gar nicht mehr laufen, hat man immer noch eine sechseinhalbfach tödliche Dosis konstatiert. Hat dann hochgerechnet zum Tag der Giftaufnahme, da war es zehnfach tödlich. Und so sind wir dann auch geschieden. Lediglich die Tatsache, dass ich einen so eklatanten Giftanschlag, sechseinhalbfach tödliche Dosis, die noch, äh, äh, dann später analysiert wurde, überleben konnte. Das ist nicht möglich. Man überlebt ja eine Dosis nicht.
Gibt's eine Erklärung?
Ja, die einzige Erklärung, die ist nicht von dieser Welt.
Mhm.
Und, äh, auch irgendeiner der Ärzte hat mich auch gefragt:
„Glauben Sie an Gott?"
Ich sage:
„Ja, gar keine Frage."
Äh, und ich sehe das auch als, ja, logisch an. Ja, was anderes kann das gar nicht sein.
Was sollte es denn sein?
Mhm.
Ja, also an Zufälle will ich nicht glauben. Da glaube ich auch nicht. Nichts ist ein Zufall, sondern da hat jemand, wie der bezeichnet wird, überlasse ich Ihnen, jemand hat seine Hand ins Spiel gebracht. Und wenn ich Christ bin, ist das für mich völlig klar, wer dieser Jemand ist.
Meine Güte, also da haben Sie einiges erlebt und vor allen Dingen die große Enttäuschung. Dieser Peter Haak, der sich, der für Sie ein Freund war, ähm, hat sich entpuppt als ein Mitarbeiter, der Sie ermorden wollte. Was macht man damit?
Ja. Äh, Sie haben trotzdem die Gelegenheit gefunden oder auch die Kraft und die Stärke gefunden, ihm zu vergeben. Das ergab sich in der Situation und dann würden Sie noch mal erzählen von dem Prozess.
Ja, im Prozess, er wurde ja dann gefunden, der Peter Haak, nachdem die Akten, äh, nachdem ich Akteneinsicht hatte in der Gauck-Behörde, äh, aber die Staatsanwaltschaften wollten erst mal nicht ermitteln, äh, bis ich mich an die Presse wandte. Und die Presse, äh, hat dann, äh, endlich, ähm, die, äh, den z-zentrale Ermittlungsstelle für die Aufklärung von Regierungs- und Vereinigungsterminalität, so ein Monstertitel, ZERF, dazu gebracht zu ermitteln. Im Zuge der Ermittlung wurde er gefasst. Der saß in, inzwischen als Detektei oder Detektiv getarnt bei Stuttgart, wurde verhaftet, auch der General und verschiedene andere dieses Ministeriums. Äh, die DDR war zwar weg, aber die Menschen waren noch da. Und die kamen dann vors Landgericht. Und da stand dann noch Peter Haag.
Ja, und da hat er eben, äh, mich um Verzeihung gebeten.
Ja.
Also, äh, Liebe, sag ich mal, manifestiert sich zwar in der Treue, findet aber in der Vergebung ihren Abschluss. Und so kamen wir dann eben zu diesem Abschluss. Ich habe ihm vergeben, ihm, dem Menschen Peter Haag, nicht dem Ministerium für Staatssicherheit, nicht pauschal, sondern man kann nur dem vergeben, der darum bittet. Das war Peter Haag.
Das ist ja nun einige Zeit her, wenn nicht Jahrzehnte. Ähm, hat sich das so durchgehalten? Ist da, sind Sie sich-
Ja.
Sind Sie da mit ihm im, im Reinen?
Ja, ich bin mit mir im Reinen. Daraus entsteht natürlich keine Fortsetzung der alten vorgetäuschten Freundschaft. Kann gar nicht sein. Es kommt auch kein Vertrauen wieder, aber ich hab ihm vergeben. Es ist kein Hass da und, äh, da brauche ich auch nicht länger mich mit dieser Frage: Ja, hast du ihm wirklich vergeben? Ich habe ihm wirklich vergeben. Punkt.
Vergeben zu können, das ist natürlich eine menschliche Kategorie, um überhaupt mit diesem ganzen, äh, Unsinn und diesem Hass klarzukommen. Aber ich nehme an, bei Ihnen war das auch christlich motiviert, oder?
Ja, das nehmen Sie richtig an. Natürlich war das christlich motiviert, sonst hätte ich ja in diesen Sekundenbruchteilen nicht darüber nachgedacht, dass eigentlich alle Ingredienzien als Voraussetzung für eine Vergebung da waren. Nämlich-
Nämlich?
Die Einsicht in die Schuld, in das Unrecht, die Reue, die Scham und die Bitte um Vergebung als Letztes. Sodass mir als Christen andere hätte gesagt und das haben mir in der Tat auch später, nach dem Prozess viele Opfer, ja, einige waren das schon, die an mich herangetreten sind und sagen:
„Sag mal, bist du blöd? Der vergießt da Krokodilstränen und du, das war doch nur vorgespielt, damit er nicht lebenslänglich kriegt."
Worauf ich dann nur antworten konnte:
„Erstens, ihr seid nicht in der Situation, ihr habt da nicht gestanden. Er stand vor mir. Seine Reue war glaubhaft. Er wurde geschüttelt von Kra, äh, Weinkrämpfe. Äh, das kann man nicht spielen und das war echt und ich habe den Eindruck, es war echt."
Und das hat sich mir mitgeteilt, sodass ich zu dem Entschluss kam, ich vergebe ihm. Und wie ihr darüber denkt, ist mir völlig egal, weil das ist eine Sache zwischen ihm und zwischen mir und nicht zwischen Dritten.
Herzlichen Dank für dieses, ja, das war ja dann auch ein Zeugnis, aber eben auch für diese ganz spannende Geschichte, dass Sie das noch mal mit uns geteilt haben.
Gerne.
Alles Gute, Herr Welsch.
Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen, auch Ihnen ein herzliches Dankeschön für Ihr Interesse an der heutigen Sendung und hoffentlich bis bald, wenn es dann wieder heißt Bibel TV, das Gespräch.
Wir werden sehen. Bis dahin machen Sie's gut. Tschüss.
Automatisch transkribiert durch KI